Freie Presse: “Hacker gegen Wahlkämpfer” – Interview mit Philipp v. Saldern, Präsident des Cyber-Sicherheitsrat Deutschland e.V.

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Hacker gegen Wahlkämpfer

Nach Attacken auf die US-Demokraten rüsten sich die deutschen Parteien gegen Angriffe auf ihre IT-Systeme. Experten erwarten Manipulationsversuche vor der Bundestagswahl.

Hacker haben es heutzutage mit modernster Technik leichter, bei Politikern nach kompromittierenden Dingen zu suchen, sagt der Präsident des Cyber-Sicherheitsrats Deutschland, Philipp von Saldern.

Freie Presse: Müssen wir vor der Bundestagswahl vermehrt mit Hacker-Attacken rechnen, ähnlich wie in den USA?

Philipp von Saldern: Das passiert bereits. Laut Verfassungsschutz werden allein auf das Netz der Bundesregierung pro Tag zwischen 2000 und 3000 Angriffe verzeichnet. Jeweils fünf davon haben eine Qualität, die auf die Aktivität von Geheimdiensten schließen lässt. Das Ziel solcher Angriffe ist es, herauszubekommen, was die deutsche Politik plant, um sie entsprechend zu beeinflussen. Anders als vielfach angenommen geht es auch nicht nur darum, irgendwelche vertraulichen Daten abzugreifen.

Sondern?

Beim Angriff auf den Bundestag etwa wollten die Hacker die Inhalte der E-Mails der Abgeordneten durchleuchten, aber auch sehen, wer mit wem wann wie oft in Kontakt steht. Aus diesen Informationsflüssen lassen sich wertvolle Rückschlüsse ziehen: Wer hat in einer Fraktion Einfluss, wer ist Meinungsführer, wer hat den meisten Kontakt zu den anderen Parteien? Oder aber: Wer hat kompromittierende Mails oder Informationen auf seinem Rechner? Das kann in der heutigen Zeit ein wirkliches Problem werden.

Inwiefern?

Wer Zugriff auf die persönlichen Daten von Politikern hat, findet immer irgendetwas, was sich unter Umständen skandalisieren lässt. Es gibt eben keinen perfekten Menschen. Mit der heutigen Technik kann man kompromittierende Informationen sogar besser und schneller denn je finden, wenn man gezielt danach sucht. Es geht dabei um Informationen, die einen Kandidaten im Wahlkampf unter Umständen zu Fall bringen können oder dazu führen, dass vielleicht ein anderer Bewerber gewählt wird. An solchen Informationen sind Geheimdienste interessiert.

Können Sie Beispiele nennen?

Da fällt mir einiges ein. Etwa nicht deklarierte Spenden von dubiosen Unternehmen an einen Abgeordneten oder eine heimliche Liebesbeziehung. Auch unbedachte Äußerungen oder Treffen mit bestimmten Personen, das Surfen auf gewissen Internetseiten, Unregelmäßigkeiten bei der Kreditkartenabrechnung oder politisch brisante Fotos aus der Vergangenheit. So etwas lässt sich unter Umständen gezielt einsetzen, um politisch Einfluss auszuüben. Und ich gehe fest davon aus, dass diese Möglichkeit von interessierter Seite genutzt werden wird.

Sie meinen, im Vorfeld der Bundestagswahl?

Ja. Ich befürchte, dass wir einen Wahlkampf erleben werden, in dem, sagen wir, bestimmte Kräfte versuchen werden, unsere etablierten Parteien mit aufsehenerregenden Informationen zu erschüttern und die Wähler in radikalere Bereiche des politischen Spektrums abzudrängen.

Müssen sich die Parteien besser schützen?

Auf jeden Fall. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat die Parteien bereits auf die Ausspähungsgefahren hingewiesen. Auch der Verfassungsschutz sagt, es gebe Attacken auf den Bundestag und die Parteien, die weit über das gekannte Maß hinausgehen.

Seit wann nehmen diese Cyber-Attacken zu?

Es sind nicht unbedingt mehr geworden, aber die Angriffe sind massiver. Wenn es gelingt, Schadsoftware in den Bundestagsserver einfließen zu lassen, kann die gesamte Kommunikation abgesaugt werden. Das ist eine neue Qualität. Viele ausländische Geheimdienste nutzen hierbei die neuesten technischen Möglichkeiten.


Sind wir in Deutschland vorbereitet auf die Abwehr solcher Cyber-Attacken?

Ich glaube nicht, dass wir technisch hinterherhinken. Mit einem guten Team lässt sich ein Schaden eindämmen und auch nachvollziehen, woher der Angriff kommt. Ein größeres Problem sind nachlässige Mitarbeiter, die nicht ausreichend über die Angriffsgefahren im Netz informiert sind. Das kann beispielsweise dazu führen, dass Mitarbeiter auf dem Dienstrechner dubiose E-Mails öffnen und damit Späh- oder Schadsoftware laden, ohne es zu wissen. Insofern ist das Risiko eher menschliches als technisches Versagen.

Das Interview mit Philipp v. Saldern wurde am Freitag, den 28. Oktober 2017 in der Freien Presse veröffentlicht und wurde von Alessandro Peduto geführt.

Link zum Interview

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